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Martin Hubschneider im Interview

Bereits seit einigen Wochen hat uns alle die Corona-Pandemie fest im Griff: Im Interview mit den beiden Chefredakteuren von SmartWe-hilft.de, Ann-Christin Heim und Alexander Dupps, spricht Martin Hubschneider, Gründer und Vorstand der CAS Software AG und der SmartWe World SE, über die aktuelle Situation und das, was ihm für die Zukunft wichtig ist.

Ann-Christin: Hallo Martin, wie geht es Dir?

Martin: Liebe Ann-Christin, das ist in dieser Zeit eine besonders wertschätzende, aber leider auch nicht ganz einfache Frage. Vorab: Gesundheitlich geht es mir sehr gut. Auch geschäftlich geht es gut. Wir spüren natürlich den Lockdown, aber unsere Unternehmensgruppe ist unabhängig von Banken und wird die Corona-Pandemie voraussichtlich gut überstehen. Persönlich bin ich hin- und hergerissen. Ich sehe ein großes Potenzial für positive Veränderungen in unserer Gesellschaft und die einzigartige Möglichkeit wie zum Beispiel mit dieser Webseite mitzugestalten.

Auf der anderen Seite bin ich enttäuscht von der Diskussionskultur in Deutschland. Insbesondere die öffentlich finanzierten Medien übernehmen – zum Glück mit erfreulichen Ausnahmen – unkritisch die alternativlosen Positionen des Robert Koch-Instituts und der zuständigen Minister. Ich hätte ein interdisziplinäres Expertenteam mit unterschiedlichen Standpunkten erwartet, die sowohl gesundheitliche als auch soziale und wirtschaftliche Aspekte sowie Nebenwirkungen abwägen.

Ann-Christin: Was würdest du dir stattdessen wünschen?

Martin: Ich halte es für notwendig, dass über Lösungsalternativen beim jetzt anstehenden Einstieg in die Normalität diskutiert wird und die Vor- und Nachteile öffentlich abgewogen werden. Ich würde mir wünschen, dass die Politik den Bürgern mehr zutraut.

Eine Sache beschäftigt mein Mitgefühl: Es gibt viele Menschen, die durch den Lockdown der Corona-Pandemie stark betroffen sind, aber keine Lobby haben: Das sind u.a. die Kinder, die in den Wohnungen vor dem Videostreaming sitzen und nicht mit ihren Spielkameraden die Welt erkunden dürfen, die einsamen älteren Menschen, die auf soziale Distanz und in aussichtsloser Angst gehalten werden, die ärmeren Menschen, die ohne Garten und Sonnenlicht in ihrer Wohnung verharren müssen, aber auch die Kleinunternehmer, deren Existenz bedroht ist.

Nach dieser langen Antwort hier die kurze Zusammenfassung: Es geht mir gut und ich bin achtsam und zuversichtlich!

Alexander: Warum wurde SmartWe-hilft.de geschaffen? Was ist das Ziel dieser Initiative?

Martin: Ich möchte kurz die Vorgeschichte schildern: Wir bei CAS haben am Freitag, den 13. März, beschlossen, dass wir fast allen der über 450 Mitgestalter der CAS-Gruppe ermöglichen, aus dem Homeoffice zu arbeiten. Am Montag darauf, also dem 16. März, waren bereits über 80 % unserer Mitgestalter in ihrem Mobile Office zuhause. Bei uns gab es bis dahin eine zurückhaltende Regelung zu Homeoffice. Führungskräfte konnten – soweit sinnvoll – Homeoffice im Einzelfall erlauben. Wir haben mit dem CAS Campus einen Ort, an dem man sich sehr gut persönlich austauschen und konzentriert arbeiten kann. Innerhalb von etwa einer Woche haben wir dann viel über die Zusammenarbeit aus dem Homeoffice gelernt und arbeiten seither relativ effektiv zusammen.

Daraus ist dann die Idee zu dieser Webseite entstanden – dazu stellten wir uns selbst folgende Leitfragen „Wie können wir in dieser Krise Gutes tun, statt den Kopf in den Sand zu stecken? Wie können wir Ressourcen bündeln, um durch ein Miteinander gestärkt durch diese Zeit zu gehen. Und wie geht es dann weiter? Wie können wir zukünftig effektiv und ohne soziale Distanz zusammenarbeiten?"

Also starteten wir einen Aufruf an alle Mitgestalter, mit der Bitte, eigene nützliche Tipps für den Alltag und das mobile Arbeiten in der Stay-Safe Phase zu teilen. Die Rückmeldungen waren überwältigend und gleichzeitig „Day One“ für diese Webseite. Wir bei CAS Software haben das Ziel, für unsere Mitgestalter der „Best place to grow“ zu werden. Diese Zeiten machen mich auf unser Team sehr stolz. Viele kreative Initiativen sorgen dafür, dass niemand sozial abgehängt wird. Diese Ideen teilen wir sehr gerne.

Ann-Christin: SmartWe-hilft hat ja auch ein ganz konkretes Hilfsangebot: Der Einstieg in unsere CRM/XRM-Lösung SmartWe Team ist bis Ende 2020 kostenlos – warum?

Martin: Der Shutdown hat sehr viele kleine Unternehmen in eine ernsthafte Existenzkrise getrieben. Sie haben erstens keine Lobby bei der Politik und erhalten deshalb keine ausreichende Unterstützung. Zweitens haben viele keine ausreichenden Rücklagen, da ihr Geschäft zwar ihren vollen Einsatz fordert, aber keine großen Gewinne erzielt. Deshalb haben diese Unternehmen jetzt Liquiditätsschwierigkeiten – sie haben kein Geld. Genau für diese kleinen Unternehmen bieten wir SmartWe Team für bis zu fünf Mitarbeiter kostenlos an. Das bedeutet je nach Version immerhin eine Ersparnis von bis zu 1200 Euro. SmartWe Team unterstützt sehr gut die mobile und die verteilte Zusammenarbeit und spart deshalb auch viel Zeit und damit Geld.

"Mein Lebensmotto 'Positive Gedanken beflügeln' gibt mir immer wieder die Kraft
und die Zuversicht, Hindernisse zu sehen, zu bewerten und zu überwinden."

Martin Hubschneider, SmartWe-hilft-Initiator,
Gründer und Vorstand der CAS Software AG und der SmartWe World SE

Alexander: Was hast Du für ein Menschenbild? Was traust Du den Menschen zu?

Martin: Ich bin fest davon überzeugt, dass alle Menschen ein großartiges Potenzial haben, und dass sie dieses Potenzial im Laufe ihres Lebens entfalten können. Dabei bin ich aber auch realistisch: Es gibt erhebliche Hindernisse wie unser aktuelles Bildungssystem oder die Fixierung auf unbedingte Gewinnmaximierung, gerade auf Kosten von sozialer Gerechtigkeit oder unserer Umwelt und damit der Zukunftsfähigkeit unserer Menschheit. Mir persönlich geht es um ein gelingendes Leben, das Gefühl im Hier und Jetzt in guten Beziehungen zu meiner Mitwelt zu leben und diese Welt ein Stück zum Positiven aktiv mitzugestalten. Mein Lebensmotto „Positive Gedanken beflügeln“ gibt mir immer wieder die Kraft und die Zuversicht, Hindernisse zu sehen, zu bewerten und zu überwinden.

Der junge niederländische Denker Rutger Bregmann hat es in seinem brandneuen Buch „Im Grunde gut“ schon im seinem Titel in drei Worten und in seinem Buch zusammengefasst: „Vertrauen und Kooperation ermöglichen den Fortschritt der Menschheit. Eine menschliche, gerechte und ökologische Welt wird möglich, wenn wir erkennen: Wir sind viel besser, als wir denken.“

Um auf Deine Frage zu antworten: Ich traue den Menschen viel zu. Insbesondere auch in dieser Zeit der Corona-Pandemie, dass sie sich nicht von der zum Teil von den Medien geschürten Angst überwältigen lassen, sondern sich ihre eigene Meinung bilden und entsprechend handeln.

Ann-Christin: Was hat sich nun verändert? Wie findest Du den Begriff „neue Normalität“?

Martin: Ganz offen: Meine Meinung zur „neuen Normalität“ ist sehr ambivalent. Auf der einen Seite sehe ich, dass sich neue Arbeitswelten und Formen der Zusammenarbeit entwickeln. Da hat der Lockdown natürlich als Beschleuniger gewirkt. Es gehört nun zur „neuen Normalität“, dass viele Menschen – auch viele Ältere – die Kompetenzen von Videokonferenz-Werkzeugen und von der Möglichkeit der Zusammenarbeit über Entfernung aufgebaut haben. Aber manche zählen zu der „neuen Normalität“ den dauerhaften Verzicht auf körperliche Nähe oder eine Überwachungs-App – das möchte ich mir persönlich nicht vorstellen.

Positiv empfinde ich, dass manche Status-Meetings mithilfe von Zusammenarbeitswerkzeugen sehr gut unterstützt werden und wir diese effektiver als zuvor umsetzen. Beispielsweise gibt es jeden Morgen um 9.30 Uhr eine Redaktionssitzung zu SmartWe-hilft.de. Sie erfolgt rein digital und oft sind wir in 10 Minuten schon durch. Vor drei Monaten hätten wir uns in einem Besprechungsrum getroffen. Auch erste Informationsgespräche oder Softwaredemos zu unseren CRM/XRM-Softwarelösungen können sehr effektiv umgesetzt werden und es sind dadurch weniger Reisen notwendig.

Aber ich sehe auch klare Grenzen der digitalen Zusammenarbeit: Wenn es um die gemeinsame Gewinnung von kreativen Ideen geht, dann gehört für mich die passende Umgebung und soziale Nähe dazu. Auch die leidenschaftliche Diskussion unterschiedlicher Standpunkte gelingt aus meiner Sicht besser, wenn alle Beteiligte in einem realen Raum sind. Auch im Vertrieb unsere Softwareprodukte möchten wir nicht auf das persönliche Kennenlernen verzichten. Gerade im Mittelstand basiert das Vertrauen auf ähnlichen Wertevorstellungen, die man – so denken wir – nur im persönlichen Gespräch erleben und vermitteln kann.

Alexander: Spiegel Futura hat Dich im Oktober 2018 als einen der innovativen Vordenker für Europa bezeichnet. Dabei war SmartWe der Aufhänger für den Spiegel-Redakteur. Warum?

Martin: Mit großer Sorge sehe ich eine Entwicklung durch die zunehmende Plattformökonomie. Durch die Skalierungs- und Netzwerkeffekte der digitalen Plattformen entstehen zunehmend monopolistische Strukturen. Die großen Unternehmen wie Google, Apple, Facebook, Amazon und Microsoft bieten ihre Webservices oft zu einem vermeintlich niedrigen Preis an – wir bezahlen aber mit unseren Daten, die sie dann unbegrenzt nutzen können. Prof. Shoshana Zuboff von der Havard Business School in Cambridge zeigt in ihrem Buch „Das Zeitalter des Überwachungskapitalismus“ sehr eindrucksvoll die Gefahren für die individuelle Freiheit der Menschen und auch den Verlust der Souveränität von Staaten auf. Mein persönliches Ziel ist es, dass Europa bis 2030 seine digitale Souveränität wieder zurückgewinnt und dafür eine große gemeinsame Initiative startet.

"Das Ziel ist einfach: SmartWe World SE wird unübernehmbar sein und die Stakeholder
streben nicht nach einer Gewinnmaximierung, sondern einer Balance zwischen auskömmlichen
Gewinnen für weitere Innovationen und einem optimalen Beitrag für das Gemeinwohl."

Martin Hubschneider, SmartWe-hilft-Initiator,
Gründer und Vorstand der CAS Software AG und der SmartWe World SE

Ann-Christin: Und was hat die digitale Souveränität mit SmartWe zu tun?

Martin: Die SmartWe World haben wir gerade in diesen Tagen von einer Aktiengesellschaft in eine europäische Societas Europaea (SE) umfirmiert. Sie wird eine genossenschaftliche Aktiengesellschaft, deren neue Aktionäre ausschließlich die aktiven Mitgestalter, Kunden und Partner sein werden. Gleichzeitig werden die Gewinne auf 10 % vom Umsatz begrenzt. Das Ziel ist einfach: SmartWe World SE wird unübernehmbar sein und die Stakeholder streben nicht nach einer Gewinnmaximierung, sondern einer Balance zwischen auskömmlichen Gewinnen für weitere Innovationen und einem optimalen Beitrag für das Gemeinwohl. Übrigens haben Datenschutz, Datensicherheit und das Selbstbestimmungsrecht über Daten für uns eine hohe Priorität. Wir haben deshalb gemeinsam mit Partnern den Verein fair.digital gegründet, der in Kürze der Öffentlichkeit vorgestellt wird.

Alexander: Wie geht es mit SmartWe-Hilft.de weiter?

Martin: Wie gesagt, SmartWe-hilft.de unterstützt die Menschen während der Zeit der Corona-Pandemie und insbesondere auch in der kommenden Post-Corona-Zeit. SmartWe-hilft.de möchte die Menschen vor allem unterstützen, besser zusammenzuarbeiten. Uns treibt die Frage an, welche Softwarewerkzeuge von CAS Software und SmartWe dabei noch besser helfen. Wie können wir unsere Kunden dabei unterstützen, dass überall ein „Best place to grow“ entsteht? Wir möchten Menschen von ihrer Routinearbeit entlasten, mehr Menschlichkeit in das Arbeitsleben einziehen lassen sowie die Pflege gesunder Beziehungen ermöglichen. Dabei sollten der individuelle und unternehmensweite Beitrag zum Gemeinwohl – gerade angesichts der aktuellen Erfahrung –  für uns alle selbstverständlicher sein als je zuvor.

Lieber Martin, vielen Dank für das Teilen Deiner Gedanken und Zukunftsideen!

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